There is no time for sentiments in the life of a scientist...

Wenn man der Perspektive folgen mag, dass Wissenschaft zunehmend als gesellschaftliche Legitimationsinstanz fungiert, der in der öffentlichen Diskussion und in demokratischen Entscheidungsprozessen ein besonderer Stellenwert zukommt, so bleibt ein Erstaunen über die Präsentationsformen wissenschaftlicher Akteure hinsichtlich ihrs Auftretens in populären Medien, welche sich anscheinend nur aus Dualismen speisen. Das Bild des Wissenschaftlers changiert in der populären Kultur zwischen den extremen Polen des grenzüberschreitenden Mad Scientist und dem des positiv besetzten Erlösers und Helden. Für die letztere Figur scheint sich im Jargon der ästhetischen Genres noch kein spezifischer Ausdruck gefunden zu haben, zumindest aber hat sich Robin Williams die Rechte an der Figur des freundlichen, aber zerstreuten Professors auf Lebenszeit gesichert.

Diese Janusköpfigkeit des Bildes vom Wissenschaftler in der massenmedialen Aufbereitung ist ein allgemeiner Topos, ein beliebtes Beispiel ist hierfür die literarische Gestalt des Dr. Jekyll mit seinem Imagio Mr. Hyde. Jedoch erfasst diese duale Ordnung nur einen Ausschnitt der unterschiedlichen Darstellungsformen, sie bezieht sich nur auf ein Subgenre der ästhetischen Vermittlung. Der Mad Scientist oder auch der Mad Doctor entstammt der manchmal kritischen - manchmal hysterischen und manchmal auch skeptizistischen Auseinandersetzung mit technologischem Fortschritt in einer sich entzaubernden Welt“, in der Wissenschaftler als Naturwissenschaftler an die Stelle heilsverkündender Propheten traten (Steven Shapin). Gleichwohl wurden die sich an die prominente Stelle Gottes setzenden Wissenschaftler nicht nur als Überbringer der frohen Botschaft propagiert, sondern auch als deren Macher. So wirkt der Chaosforscher und Mathematiker Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) in Jurassic Park zwar eher wie der Rufer in der Wüste angesichts seiner vergeblichen Warnungen vor einem Heidepark mit Sauriern, die Psychologin Catherine Deane (Jennifer Lopez) hingegen in The Cell rettet mittels ihrer Technik der Brainpenetration das erwähltes Opfer und erfüllt gleichzeitig den biblischen Anspruchs der Vergeltung: ertrinken die Mädchen in einem gigantischen Wasserbassin, so ertrinkt der Killer in und an seinen Träumen.

Die Ursprünge der popularisierten Darstellung von Wissenschaft reichen nach Felt et al. (1995) bis weit in das 17. Jahrhundert zurück und haben seit dieser Zeit nicht nur hinsichtlich der Quantität zugenommen, sondern auch in den Darstellungsformen Wandlung erfahren. Für die Gegenwart ist unstrittig der Film eine der populärsten Vermittlungsinstanz, in der das Bild des Wissenschaftlers in der Öffentlichkeit geformt wird. Man könnte den Eindruck gewinnen, das die Präsentation des Wissenschaftlers in dem Maße zunimmt, wie wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklung eine wachsende Bedeutung erfahren. Zudem scheint das Auftauchen der Figur des Wissenschaftlers, seine Darstellung im Film fast gleichzeitig mit der Entstehung cineastischer Unterhaltung zusammenzufallen. Die Wandlungen, die diese Figur in der filmischen Umsetzung erfährt, richten sich nach den jeweils aktuellen technologischen, politischen und sozialen Entwicklungen, nach dem stetigen Wandel von Wissenschaft und auch der rezipierenden Öffentlichkeit: „Nach dem der Computer zum unerlässlichen wissenschaftlichen Instrument geworden war, eroberten sich Computerkriminelle und künstliche Intelligenz rasch wieder die vakante Stellung des Mad Scientist, und mit der Entwicklung der Gentechnologie war das alte Bild vom verrückten Wissenschaftler und seinem blasphemischen Eingriff in die Schöpfungsgeschichte in aller Prächtigkeit restauriert.“(Seeßlen S. 48)

Verwiesen sei hier noch einmal auf die im popkulturellen Spektrum zirkulierenden positiven Darstellungen, die, wenn auch genauso grauenvoll, den Wissenschaftler als eigenbrötlerisches, fern ab aller Realitäten und doch liebenswertes Wesen inszeniert, aktuell derzeit in A Beautiful Mind der an Schizophrenie leidende Mathematiker Forbes.
In ihrer eindrucksvollen Studie über die Repräsentationsformen von Wissenschaftlern in amerikanischen Zeitschriften zwischen 1910 und 1955 macht Marcel Ch. LaFollette vier grundlegende Stereotypen zur Typologisierung von Wissenschaftlern aus, den Zauberer, den Experten, den Schöpfer oder Zerstörer und den Helden. Alle vier Idealtypen besitzen noch Gültigkeit, sind aber zunehmend variiert, spezifiziert und ergänzungsbedürftig. So ist der selbstsüchtige und gewissenlose Forscher in der Figur des Betrügers mittlerweile medial fest etabliert - man denke nur an die zahlreichen Fälschungsskandale in den USA und in Deutschland der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Mit Craig Venter, Chef des Biotech-Unternehmens Celera hat eine neue Figur die Schlagzeilen erobert: Dank seiner Willens- und Finanzkraft gewinnt der Privatmann (und Forscher) den Wettlauf um die Entzifferung des menschlichen Erbguts quasi im Alleingang gegen das öffentliche Forschungskonsortium HUGO. Gleichzeitig fragt sich der besorgte Beobachter, ob der Herr der Gene über entsprechende Patente eine unangreifbare Vormachtstellung in der Medizin erlangen wird. „Nationalheld, Betrüger, Märtyrer, Selfmademan...? Im Bilderbuch kultureller Repräsentationen sind noch Plätze frei.“ (heureka 2/00) Das die Inszenierung und Präsentation von Wissenschaftlern nicht mehr allein den populären Medien zukommt, offenbart Gunther von Hagens Selbstinszenierung als Beuys-Imitator auf das Deutlichste. Von Hagens Plastinatausstellungen zeigen dabei den Wissenschaftler als grenzüberschreitenden, tabubrechenden Aufklärer mit Unterhaltungseffekt.
Allen Wissenschaftlerfiguren gemein ist der Mythos der Andersartigkeit, der sich in den präsentierten psychischen und physischen Eigenschaften abbildet. Die Person des Wissenschaftlers als Grenzgänger wird in Bezug auf die Brechung tradierter Tabus von wissenschaftlicher Seite mit wohlwollenden Augen gesehen. Die andere Richtung jedoch, in der gleichfalls das Tabu gebrochen wird, jedoch die Zielsetzung aus dem Wahn entspringt, erfährt in der Selbstbeschreibung moderner Wissenschaft radikale Ablehnung. Doch was heißt hier Wahn? Er ist keinesfalls das pathologische Gegenstück zum okzidentalen Rationalismus, das beweist die Geschichte der europäischen Vernunft nur zu deutlich. Es erscheint einfach, dem Wahn ein Gesicht zu geben (am liebsten mit wirren Haaren, schlecht sitzendem Anzug und weit aufgerissenen Augen) und ihn im Bereich wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion zu anekdotisieren. Die Frage gilt es epipherisch zu wiederholen: Wann ist der Wahn ein Wahn? Vielleicht ist er die selbstinszenierte Grenze wissenschaftlichen Handelns, das sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit konstituiert und der wissenschaftliche Forschung in die Taten eines Irren umkippen lässt. Zumindest, dass lässt sich wohl vorerst festhalten, ist die Geschichte von Wahn und Wissenschaft eine Geschichte der Leidenschaft und der Vernunft, wobei eine scharf getrennte Zuordnung wohl schwer fällt.

Das geplante Buchprojekt geht von der ästhetischen Inszenierung der Figur des Wissenschaftlers aus, von ihrer Tradition und Variierung im Kontext der kulturellen, sozialen, politischen, technologischen Entwicklung. Mögliche Themenfelder sind in Stichworten ungeordnet aufgelistet und sollen ergänzt, bzw. modifiziert werden:

• bisherige und zukünftige Idealtypen des Wissenschaftlers
• Repräsentationen männlicher und weiblicher Wissenschaftler
• Darstellungen differenter Wissenschaftsberufe hinsichtlich ihrer Arbeitsmethodik
• die Psyche des Forschers in bezug auf sein Objekt und umgekehrt
• Anteil der medialen Darstellung an der Forcierung wissenschaftlicher Erkenntnis
• Darstellung der Produktion und „Fabrikation“ wissenschaftlicher Erkenntnisse
• der Zusammenhang zwischen „Gewalt“ und einzelnen Wissenschaftsdisziplinen (den mörderischen Soziologen habe ich noch nicht gesehen...)
• Wissenschaftliche Repräsentation vs. künstlerische Avantgarde
• BioPics als künstlerische Form!?Diese Perspektive fokussiert zunächst auf die mediale Vermittlung (damit ist nicht nur der Spielfilm gemeint) und kann nur ein kleiner Aspekt des Gesamtbereichs sein, der Wahn und Wissenschaft umfasst. Um die mediale Dimension zu erweitern sind auch Beiträge gefragt, die dem Ganzen einen theoretischen Rahmen bieten und diesbezüglich in einem umfassenderen Sinne nach dem Verhältnis zwischen „Wahnsinn“ und „Wissenschaft“ fragen. Bewusst haben wir das Feld recht offen gehalten, die bisherige Fokussierung auf Visualisierungen kennzeichnet erst einmal einen Ausgangspunkt.

Literatur:
Brockway, K.(1998): Dialogue Aimed at Getting beyond “ Mad Scientist”-Stereotypes in Film, in: Columbia University Record, 23/21 www.columbia.edu/cu/record/23/21/25.html
Clute, J.; Nicholls, P. (1999): The encyclopedia of science fiction, Orbit.
Felt, U.; Nowotny, H.; Taschwer, T. (1995): Wissenschaftsforschung, Campus.
Frizzoni, B. (2001): Verrückte Wissenschaftler im Film, in: UNIMagazin, Die Zeitschrift der Universität Zürich, 3/01.
Haynes, Roslynn D. (1994): From Faust to Strangelove, Representations of the Scientist in Western Literature, Hopkins University Press.
LaFolette, Marcel C. (1990): Making Science Our Own : Public Images of Science, 1910-1955, Univ. of Chicago Pr (Sd).
Seeßlen, G. (1999): Mad Scientist. Repräsentation des Wissenschaftlers im Film, in: Gegenworte. Zeitschrift für den Disput über Wissen, hrsg. von der Berlin-Brandenb. Akademie der Wissenschaften, Heft 3/1999

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